Was ist das Renditereihenfolgerisiko, und warum ist es für Privatanleger gefährlicher als Kursverluste?
- Justin Sodhi

- 12. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Ein Anleger, der über dreißig Jahre im Schnitt sechs Prozent Rendite pro Jahr erzielt, kann am Ende deutlich weniger Vermögen haben als ein anderer Anleger, der auf dem Papier exakt dieselbe Durchschnittsrendite erzielt hat. Der Unterschied liegt nicht in der Höhe der Verluste, sondern in deren zeitlicher Abfolge. Dieses Phänomen trägt den Namen Renditereihenfolgerisiko, im englischen Fachjargon Sequence of Returns Risk, und es ist eines der am meisten unterschätzten Risiken im privaten Vermögensaufbau und besonders in der Entnahmephase.
Was bedeutet Renditereihenfolgerisiko genau?
Das Renditereihenfolgerisiko beschreibt den Effekt, dass die Reihenfolge, in der positive und negative Renditen auftreten, das Endvermögen eines Anlegers wesentlich stärker beeinflusst als ihre Durchschnittshöhe. Zwei Anleger mit identischer mathematischer Durchschnittsrendite können zu vollständig unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, wenn einer die schlechten Jahre zu Beginn eines Zeitraums erlebt und der andere am Ende.
Die entscheidende Variable ist, ob in diesem Zeitraum Kapital entnommen oder zugeführt wird. In der reinen Ansparphase ohne Zu- oder Abflüsse ist die Renditereihenfolge mathematisch vollständig irrelevant, weil der Endbetrag ausschließlich vom Produkt der Wachstumsfaktoren abhängt, nicht von deren Abfolge. Sobald jedoch regelmäßige Entnahmen stattfinden, beispielsweise in der Rentenphase, im Ruhestand oder beim Verzehr eines Kapitalvermögens, verändert sich die Mathematik grundlegend.
Warum zerstört ein schlechtes erstes Jahr in der Entnahmephase das Portfolio überproportional?
Das lässt sich an einem konkreten Rechenbeispiel nachvollziehen. Nehmen wir zwei Anleger, die jeweils mit einem Portfolio von 1.000.000 Euro in die Entnahmephase eintreten und jährlich 50.000 Euro entnehmen. Beide erzielen über zwanzig Jahre eine identische durchschnittliche Jahresrendite von fünf Prozent.
Anleger A erlebt in den ersten drei Jahren negative Renditen von minus 20, minus 15 und minus 10 Prozent, bevor sich die Renditen erholen und in den Folgejahren überdurchschnittlich werden. Anleger B erlebt genau die umgekehrte Abfolge: zuerst die guten Jahre, dann die schlechten. Beide haben dieselben Jahresrenditen, nur in anderer Reihenfolge.
Das Ergebnis: Anleger A hat nach zwanzig Jahren möglicherweise sein Portfolio vollständig aufgezehrt oder befindet sich kurz davor, während Anleger B noch ein substanzielles Vermögen hält. Der Grund ist dieser: In den ersten Jahren, wenn das Portfolio noch groß ist, treffen die negativen Renditen auf den vollen Kapitalstock und erzeugen absolute Verluste in voller Größe. Gleichzeitig müssen die vertraglich vereinbarten oder geplanten Entnahmen aus einem bereits geschrumpften Portfolio bedient werden, was den Anteil des entnommenen Kapitals relativ zum verbliebenen Vermögen erhöht. Dieser Doppeleffekt, bezeichnet als Entnahme auf schrumpfender Basis, führt dazu, dass sich das Portfolio nicht mehr erholen kann, selbst wenn die Märkte danach stark steigen.
In welchen Lebensphasen ist das Renditereihenfolgerisiko am stärksten ausgeprägt?
Das Renditereihenfolgerisiko ist in drei spezifischen Phasen besonders relevant.
In den ersten zehn Jahren der Entnahmephase: Diese Phase ist die kritischste. Ein schwerer Einbruch zu Beginn des Ruhestands, kombiniert mit planmäßigen Entnahmen, kann die langfristige Tragfähigkeit des Portfolios dauerhaft beschädigen. Das ist das klassische Early Retirement Risk.
Kurz vor und direkt nach dem Übergang von der Anspar- zur Entnahmephase: Der Zeitraum von fünf Jahren vor und nach dem Übergang wird als Gefahrenzone bezeichnet. Ein Börseneinbruch in diesem Fenster trifft das Portfolio auf seinem Höchststand und unmittelbar zu dem Zeitpunkt, an dem erstmals Kapital entnommen werden muss.
Bei unflexiblen Entnahmeverpflichtungen: Wer seinen Lebensstandard im Ruhestand nicht anpassen kann oder will und auf eine feste monatliche Entnahme angewiesen ist, hat weniger Spielraum, in schlechten Börsenjahren die Entnahmen vorübergehend zu reduzieren.
Wie kann man das Renditereihenfolgerisiko konkret reduzieren?
Es gibt mehrere Ansätze, die in der institutionellen Portfolioverwaltung und bei guten Family Offices standardmäßig eingesetzt werden.
Der erste Ansatz ist der Aufbau eines Liquiditätspuffers außerhalb des Kapitalmarktportfolios. Wer zwei bis drei Jahre seiner geplanten Jahresentnahmen in kurzlaufenden, sicheren Instrumenten wie Geldmarktfonds oder kurzfristigen Anleihen hält, kann in Abwärtsphasen aus diesem Puffer entnehmen, ohne das Aktienportfolio in der Verlustzone verkaufen zu müssen. Das Portfolio hat Zeit, sich zu erholen.
Der zweite Ansatz ist die dynamische Entnahmestrategie, also die Fähigkeit und Bereitschaft, Entnahmen in schlechten Börsenjahren vorübergehend zu reduzieren. Studien zeigen, dass bereits eine moderate Flexibilität in der Entnahmehöhe, also etwa eine Anpassung von plus/minus fünfzehn bis zwanzig Prozent je nach Marktlage, die Portfolioüberlebenswahrscheinlichkeit erheblich verbessert.
Der dritte Ansatz, und hier liegt die strukturell tiefgreifendste Lösung, ist die Integration von Anlageklassen mit geringer Korrelation zum Aktienmarkt in das Portfolio. Wer Teile seines Vermögens in Strategien investiert hat, die sich unabhängig von der Aktienbörse entwickeln, zum Beispiel in Private Debt, Real-Asset-Strategien oder marktneutrale Sondersituationen, kann in einem Aktiencrash aus diesen stabileren Positionen entnehmen und die Aktienkomponente erholen lassen.
Wie berücksichtigt die Stratik-Methodik das Renditereihenfolgerisiko?
Die Stratik-Methodik von JS Advisors ist als Core-Satellite-Strategie aufgebaut, die diesem Risiko strukturell begegnet. Der liquide Kernbestand aus Aktien und Anleihen wird durch Satelliten-Investments ergänzt, die unterschiedliche Ertragsquellen und Korrelationseigenschaften mitbringen.
Im Kontext des Renditereihenfolgerisikos bedeutet das: In einer Marktkorrektur, in der Aktien stark fallen, sind es genau diese alternativen Satelliten-Bausteine, auf die im Bedarfsfall zugegriffen werden kann, ohne das Aktienportfolio auf dem Tiefpunkt zu verkaufen. Das setzt natürlich voraus, dass die Satelliten liquide genug oder zumindest antizyklisch positioniert sind. Diese Auswahl und Abstimmung auf den individuellen Entnahmebedarf des Mandanten ist eine der zentralen Aufgaben in der Portfolioberatung von JS Advisors.
FAQ: Renditereihenfolgerisiko
Was ist der Unterschied zwischen Renditereihenfolgerisiko und allgemeinem Marktrisiko?
Marktrisiko beschreibt das Risiko, dass Kurse fallen. Renditereihenfolgerisiko beschreibt das Risiko, dass Kurse zum falschen Zeitpunkt fallen, nämlich dann, wenn Kapital entnommen wird. Ein Anleger, der noch zwanzig Jahre bis zur Entnahme hat, kann einen Kurssturz aussitzen. Wer bereits in der Entnahme ist, kann das nicht, und genau das macht den Unterschied.
Ist das Renditereihenfolgerisiko in der Ansparphase irrelevant?
Weitgehend ja. Wer regelmäßig spart und keine Entnahmen macht, profitiert von sinkenden Kursen sogar durch den Cost-Averaging-Effekt: Für denselben Betrag werden mehr Anteile gekauft. In der Entnahmephase dreht sich diese Logik vollständig um.
Gibt es eine sichere Entnahmerate, die das Renditereihenfolgerisiko übersteht?
Die sogenannte 4-Prozent-Regel aus der Trinity-Studie der 1990er Jahre ist der bekannteste Orientierungswert und besagt, dass ein Portfolio über dreißig Jahre mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt, wenn jährlich vier Prozent entnommen werden. Diese Regel basiert jedoch auf US-Marktdaten und berücksichtigt keine individuellen Faktoren. In einem Niedrigzinsumfeld oder bei längeren Rentnerlaufzeiten ist eine konservativere Planung ratsam.
Kann eine Lebensversicherung oder Rentenversicherung das Renditereihenfolgerisiko eliminieren?
Eine sofort beginnende Leibrente, also eine versicherungsförmige Verrentung eines Kapitalbetrags, eliminiert das Renditereihenfolgerisiko vollständig, weil das Langlebigkeits- und Renditerisiko an die Versicherungsgesellschaft übertragen wird. Der Preis dafür ist der Verlust der Flexibilität und der Vermögensübertragbarkeit.
Wie früh vor dem Renteneintritt sollte ich mein Portfolio auf das Renditereihenfolgerisiko ausrichten?
Eine schrittweise Neuausrichtung des Portfolios sollte idealerweise fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Beginn der Entnahme beginnen. Dabei geht es nicht darum, das Portfolio defensiv umzuschichten, sondern darum, gezielt Liquiditätspuffer aufzubauen und die Korrelationsstruktur des Portfolios zu überprüfen.
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Verlusts des eingesetzten Kapitals. Vergangene Ergebnisse sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Entwicklungen. JS Advisors Group erbringt Finanzdienstleistungen im Rahmen ihrer WpIG-Lizenz über die Bank für Vermögen AG.



